Und plötzlich ist das Haus wieder voller Leben – Erfahrungen einer Gastfamilie

Warum? – Weil wir es uns auch so gewünscht hätten!

Die ältere Tochter geht längst ihren eigenen Weg.

Die jüngere sitzt schon auf gepackten Kartons und wartet darauf, dass sie bald ihre erste Wohnung im Ruhrgebiet beziehen kann. In der 2. Etage ist ein großes Zimmer ungenutzt.

Und meine Eltern – mit ihren über 80 Jahren – kommen auch immer seltener aus Berlin zu Besuch, sodass das Gästezimmer die meiste Zeit leer ist. Dann erreichen uns die Bilder aus der Ukraine von zerbombten Häusern und Millionen von Menschen, die auf der Flucht sind. Was wäre, wenn uns das passieren würde? Schnell steht für alle Beteiligten fest, dass wir helfen wollen. Und das Beste ist: wir sind nicht allein. Ein Anruf bei der Stadt Vreden und wir stehen auf der Liste mit vielen anderen Familien, die genauso denken wie wir. Dann treffe ich Anita Bußmann. Auch sie hat dem Kreis Borken Wohnraum angeboten. Wir beschließen uns gegenseitig zu helfen mit Dingen, die man für die ersten Wochen braucht, und gründen eine WhatsApp-Gruppe. Unglaublich, was da abgeht: ALLES von Bettwäsche über Fahrräder, sogar Möbel werden in der Stadt getauscht und besorgt, Erfahrungen ausgetauscht, Treffen organisiert und Neuigkeiten aus dem Rathaus bekanntgegeben. Es ist so toll!!! Danke an alle, die dort mitmachen. Ihr seid die Besten.

Wann? – Alles kommt, wie es kommen soll!

Wir sehen vermehrt Nachrichten und da sind die Bilder von überfüllten Bahnhöfen. Die ersten Familien kommen im Münsterland an, aber es sind meistens 4 oder 5 Personen und wir hatten der Stadt Vreden vorsichtig erst einmal eine Bleibe für 2-3 Personen angeboten. Dann fahren wir übers Wochenende zu meinen Eltern. Naja, ist klar, ausgerechnet dort klingelt das Handy. Mist! Wieder zu Hause rufen wir noch einmal bei Herrn Kemper-Bengfort und Frau Dechering von der Abteilung für Familien und Soziales an. Es gäbe schon die Möglichkeit, eine Person mehr unterzubringen. Die Osterferien nähern sich. Der Skiurlaub! Wir sagen vorsichtshalber im Rathaus Bescheid – hilft nichts. Im Urlaub kommt ein zweiter Anruf. Och Menno! Dann eine Anfrage in der WhatsApp-Gruppe: Eine Mutter mit zwei Kindern und der Oma. Das passt! Wir sagen Bescheid, dass wir sie aufnehmen wollen und die Spannung steigt ins Unermessliche. Zwischendurch ein paar kleine Überraschungen. Erst die schlechte: Die ältere Tochter ist durch einen Granatsplitter verletzt, aber sie kann laufen. Mir wird mulmig. Dann die Gute: Sie bringen die Krankenschwester mit. Okay, dann nehmen wir 5. Und Zu guter Letzt: Sie bringen einen Hund und eine Katze mit. Aha! Genau dafür war die Gruppe gedacht! Abends haben wir ein weiteres Bett, einen Kratzbaum, ein Katzenklo und jede Menge Futter und Leckerlis für die Tiere. Um 22.30 Uhr geht es mit zwei Autos ab zum Bahnhof nach Ahaus. Wir platzen vor Aufregung und hoffen, dass alles gut wird.

Wer? – Menschen wie du und ich!

Nach 53 Nächten im Keller und 3 Tagen auf der Flucht mit je einem Koffer bekommen sie bei uns endlich ein sauberes Bett. Ich hatte etwas zu Essen vorbereitet, aber nach einem kurzen Moment der Begrüßung wollen alle nur schlafen gehen. Der Rest kann bis morgen warten. Die Kleine ist schon im Auto eingeschlafen und nimmt das neue Kuscheltier gleich mit. Morgen gibt es spät Frühstück…

Denkste! Der Hund bellt, in der Küche wird gequatscht und gelacht. Irgendwer klopft vorsichtig an die Tür. Es ist halb neun. Wir stehen also auf und bereiten gemeinsam das Frühstück, oder besser Brunch vor. Der Tisch sieht toll aus. Dabei stellt sich heraus, dass die Krankenschwester gar keine ist, sondern eine Köchin. Jackpot! Ich zeige ihr alles und überlasse ihr das neue Revier. Wir sind im Flow, YES! Am Tisch ist genügend Platz für alle. Die Kommunikation besteht aus Händen und Füßen, dem Google-Übersetzer und den Dingen aus meinem Russischunterricht, die ganz, ganz weit hinten in meinem Kopf vor sich hin staubten. Ich koche Kaffee, die Oma macht Tee, der Hund jagt die Katze und die anderen decken den Tisch. Alle sind glücklich und wir können nur hoffen, dass es lange so bleibt.

FORTSETZUNG FOLGT…