Dunkelziffer von sexueller Gewalt bleibt hoch: Im Kreis Borken bekommen Opfer schnell und anonym Hilfe

Unter dem Codenamen „Anna“ können sich Betroffene an das Krankenhaus Bocholt wenden

Jutta Grave-Möllmann (erste Reihe, rechts), Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Borken und Geschäftsführerin des Runden Tisches gegen häusliche Gewalt - „GewAlternativen“ im Borkener Kreishaus arbeitet mit den Mitgliedern an Hilfsangeboten für Betroffene von Gewalt.

Die Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ vom Bundesministerium des Inneren sind alarmierend: Weniger als zehn Prozent der Gewalterfahrungen werden angezeigt. Heißt: 19 von 20 Taten bleiben im Verborgenen. Gewalt ist auch hierzulande kein Randphänomen. Aus diesem Grund arbeitet der „Runde Tisch gegen häusliche Gewalt – GewAlternativen“ im Kreis Borken seit mittlerweile 25 Jahren daran, Hilfe da anzubieten, wo sie gebraucht wird.

In Kooperation mit dem St. Agnes Hospital Bocholt hat der Runde Tisch GewAlternativen des Kreises Borken Anfang 2020 das Modell der anonymen Spurensicherung, kurz ASS, etabliert. Seither können sich Gewaltopfer im Kreis Borken ohne vorausgehende polizeiliche Strafanzeige an das Bocholter Krankenhaus wenden und schnell und unbürokratisch medizinische Hilfe bekommen. Für die Betroffenen ist die Spurensicherung kostenlos. Finanziert wird das Projekt aus Fördermitteln des Landes NRW. Am besten melden sich Betroffene zeitnah nach der Tat beim Bocholter St. Agnes Hospital – direkt oder unter der Tel. 02871/200. Sie nennen dann das Codewort „Anna“ und bitten so um die Anonyme Spurensicherung. Selbst leichte Spuren sind von Bedeutung und können sichergestellt werden, erklärt Dr. Veronika Kampshoff, Sprecherin vom „Runden Tisch gegen häusliche Gewalt – GewAlternativen“ und Naturheilpraktikerin in Bocholt. Sie empfiehlt, in Begleitung ins Krankenhaus zu kommen. Wem das nicht möglich ist: Sieben ehrenamtliche Helferinnen können Betroffene unterstützen und begleiten sie bei Bedarf. Sie nehmen hierzu einmal jährlich an einer Schulung teil.

Die Realität zeigt, warum die anonyme Spurensicherung so wichtig ist: Opfer von Sexualstraftaten und häuslicher Gewalt scheuen oft davor zurück, die Täter, die häufig aus dem näheren familiären Umfeld stammen, sofort anzuzeigen. „Frauen, die Gewalt erfahren, stehen meist unter Schock, empfinden große Scham und versuchen, die Tat zu verdrängen“, erklärt Jutta Grave-Möllmann, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Borken und Geschäftsführerin des Runden Tisches „GewAlternativen“. Es koste die Betroffenen eine enorme Überwindung, über die Tat zu sprechen und zu realisieren, dass sie tatsächlich passiert sei. „Spuren sind wichtige Beweise und sollten professionell gesichert werden, auch wenn noch keine Strafanzeige gestellt wurde“, erklärt Dr. med. Carsten Böing, Chefarzt und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Bocholt. Mit der anonymen Spurensicherung haben die Initiatoren einen wesentlichen Meilenstein erreicht, für den sie hinter den Kulissen lange gekämpft hatten. So traurig die Ergebnisse der aktuellen Studie sind, sie zeigen, dass sich der Kreis Borken auf dem richtigen Weg befindet.

Wie läuft das Verfahren der Anonymen Spurensicherung?
Das Krankenhaus hält ein Spurensicherungsset bereit. Der Untersuchungsbericht und die Spuren werden mit einer Chiffre-Nummer versehen und die Beweismittel (z.B. Sperma und Haare) werden per Kurier zum Institut für Rechtsmedizin nach Düsseldorf gebracht. Dort werden die Spuren zehn Jahre gelagert. Entscheiden sich die Betroffenen zu einem späteren Zeitpunkt für eine Strafanzeige, können die Frauen die Polizei auf die Spurensicherung hinweisen. Diese leitet dann die weiteren, notwendigen Schritte ein.

Zum Hintergrund:
Im Kreis Borken existiert der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt – „GewAlternativen“ seit 2001 und vereinigt rund 60 Fachleute in sechs Arbeitsgruppen, die direkt oder indirekt mit dem Thema konfrontiert sind. Dazu gehören Polizei, Justiz, Frauenhaus, Frauenberatung, Gleichstellung, Jugendämter, Medizin, Bildungseinrichtungen, Beratungsstellen, Schulen und Tageseinrichtungen für Kinder. Gemeinsam setzen sie sich beispielsweise für die Verbesserung der Situation von Gewaltopfern ein und sensibilisieren die Öffentlichkeit für das Thema. Schirmherr des Zusammenschlusses ist Landrat Dr. Kai Zwicker.

Hilfe und Unterstützungsangebote:
Hier finden Betroffene anonym und schnell medizinische Hilfe und Unterstützung:

• St. Agnes-Hospital Bocholt (Tel. 02871/200; Codewort „Anna“)

Auf der Internetseite http://www.gewalternativen.de sind weitere Informationen zur anonymen Spurensicherung in sechs unterschiedlichen Sprachen (arabisch, deutsch, englisch, französisch, persisch, russisch und türkisch) zu finden.

Gleichstellungsbeauftragte Jutta Grave-Möllmann sieht, dass der Kreis Borken auf dem richtigen Weg ist, um Gewalt zu bekämpfen.
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